Dieser Wegweiser verheisst, dass unser Ziel nahe ist, aber es dauert, bis wir marokkanischen Boden betreten.
Es ist noch dunkel, als wir ins Fährgelände einfahren. Kaum da, werden wir von einem Mann aufgeregt bequatscht und es dauert einen Moment, bis wir merken, das er keine «Offizieller» ist. Als Einstimmung auf Marocco üben wir das Abwimmeln. Hannes kann das schon supergut und mit Charme.
Eingeordnet in der Warteschlange beehrt uns der Mann nochmals, indem er einen Hund an unser Auto anbindet, und erst nach energischer Widerrede unserer Seite, wieder befreit.
Der nächste Herr, der ans Fenster klopft, möchte unser Ticket und unsere Pässe? Vertrauen und mitgeben? Wir entscheiden uns für ja, denn er hat schon bei den Autos vor uns diese Dokumente eingesammelt, was ja nicht unbedingt etwas heissen will. Aber als sich die Kolonne nach einer Stunde in Bewegung setzt, bekommen wir alles zurück und rollen in die Fähre. Es ist sehr windig und kalt, als wir in See stechen und an Gibraltar vorbei Kurs auf Tanger nehmen.
Als Afrika in Sicht kommt, sieht es so gar nicht afrikanisch aus. Die Hügel sind saftig grün und die Häuser gleichen europäischen. Nur eine riesige arabische Schrift an einem Berg lässt erahnen… Wir interpretieren sie frei als «Willkommen in Afrika».
Die Einreiseformalitäten, die bei Hannes und Manu vor einem Jahr fünf Stunden dauerten, gehen nur eine Stunde und nachdem der Drogenhund unser Auto für uninteressant befand und Hannes dem Zöllner versichert hat, dass wir weder Drohne noch Funkgerät einführen (wir haben beides gut versteckt), beginnen wir glücklich unser Marokkoabenteuer.
Bewusst nehmen wir am Anfang nicht die Autobahn, sondern fahren auf einer kleineren Strasse dem Meer entlang durch ländliche, aber eher wohlhabende Gegenden. So vieles erinnert uns an Albanien: die vielen Menschen, die einfach neben der Strasse laufen, der Mann, der seine zwei Kühe hütet oder die Frau, die am Strassenrand ihre Rüebli und Zwiebeln verkauft.
Wir lunchen am Meer, teilen unseren Kuchen mit einem alten zahnlosen Mann und einem Bewacher eines Militärgeländes und tasten uns langsam ans Land heran.
Auf der Weiterfahr durchqueren wir die Stadt Tanger und staunen sehr über den Reichtum, der überall sichtbar ist; chicke Wohnresidenzen, teure Autos und sogar ganze Einkaufszentren.
An unserem Zielort, Assilah, steuern wir den Campingplatz an und sitzen dort barfuss und im Tshirt an der Sonne und können unser Wetterglück kaum fassen.
Dem Meer entlang spazieren wir in die Altstadt, die Medina.


Die Händler, von denen wir bestürmt werden, werden wir schon recht schnell wieder los, indem wir freundlich bleiben und vor allem, indem wir sagen, wir seien schon einmal hier gewesen. In den Läden ist handeln gar nicht angesagt, was mich sehr erstaunt. Wir bummeln durch die blauweisse Künstlerstadt und fühlen uns wohl.

Auf dem Hauptplatz trinken wir Tee à la menth und Nossnoss und beobachten das Leben. Weil ich die Frauen, die den Touristinnen Hennemuster auf die Hände malen, untertstützen will, halte auch ich meine Hand hin. Ich sage, ich wolle nur ein kleines Muster auf einer Hand. Sie nimmt meine Hand und sagt, ich solle Vertrauen haben und könne am Schluss zahlen, was ich wolle.

Und ich Greenhorn hab Vertrauen und frage nicht konkret nach dem Preis. Unsere Sitznachbarin im Café hat sich beide Hände bis über die Handgelenke für 70 Dirham (7Fr.) bemalen lassen. Ich nehme mir vor, ihr 20 Dirham zu geben. Doch da hört ihr Lachen auf und sie fordert 50 Dirham. Selber schuld, voll in die Falle gelaufen, Lehrgeld muss gezahlt werden…
Auch unsere Tees waren wohl sehr überzahlt. In der absolut nicht touristischen Gegend ausserhalb der Medina schlendern wir in der Dämmerung die Gassen entlang, die prall gefüllt sind mit Leben, mit Menschen, Marktständen und Restaurants.
Wir essen zu viert Znacht für weniger Geld als die Getränke im Zentrum gekostet haben. Lehrgeld muss man zahlen..
Es war ein faszinierender Einstieg in unser Ferienland und das Lehrgeld haben wir gerne bezahlt, weil es uns gute Begegnungen ermöglicht hat.

Ursula Kern
18. Februar 2019 — 19:12
Es ist – wie nicht anders erwartet – wieder ein Genuss, eure Texte zu lesen:
fesselnd, informativ –
…. von denFotos ganz zu schweigen.
Herzlichen Dank!